Für Besucher ist die Zeit in Barcelona begrenzt. Der Klassiker: von Freitag bis Sonntag. In der kurzen Zeit ist kaum ein Haken hinter alle Must-See Sehenswürdigkeiten zu machen. Sagrada Família, das Gotische Viertel, das Eixample, wo am Passeig de Gràcia die bekanntesten Wohnhäuser von Antoni Gaudí liegen. Eine Stadtführung, noch schnell zum Park Güell oder auf den Montjuïc und vielleicht ein Abstecher zum Strand. Viel mehr geht kaum. Im Bezirk Poble Nou (westlich vom markanten Torre AGBAR gelegen) zeigt Barcelona sein modernes und innovatives Gesicht. Wie die meisten Großstädte kämpft auch die katalanische Metropole mit den Auswirkungen von zu viel Verkehr: Lärm, Luftverschmutzung, Unfälle. Seit 2016 wurde der Verkehr in neun Eixample-Häuserblöcken beruhigt – genannt Superilla, Superblock. Die Meinungen der Anwohner sind darüber allerdings geteilt. Am besten kommt man natürlich mit dem Fahrrad dorthin.
Kaum zu glauben – eine verkehrsberuhigte Kreuzung
Einige Anwohner sind entsetzt.
Andere Anwohner sind begeistert.
Es ist Platz für Cafés und Spielplätze entstanden.
Am Strand der Barceloneta ist, sobald es warm wird, mitunter der Teufel los. Jedermann wird magisch vom Wasser angezogen. Auch Stadtführungen auf dem Fahrrad machen hier häufig Pause. Bei großer Hitze erfrischt die leichte Brise. Und ambulante Verkäufer versuchen scheinbar alles, was das Touristenherz begehrt (oder auch nicht) an den Mann und die Frau zu bringen: Bier, Decken, Longdrinks, Hüte, Sonnenbrillen, Massagen… Gefühlt ertönt alle zehn Sekunden ein neuer Lockruf. Die Terrassen der ufernahen Restaurants sind brechend voll, und wenn Ende März die Xiringuitos (Strandrestaurants) am Strand aufgebaut werden, kann man sich dort herrlich den Seewind um die Nase wehen lassen. Bei all dem Trubel wird ein Mahnmal leicht übersehen. Es erinnert an die im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge. Es ist nicht nur eine (erschreckend hohe) Zahl – es sind Menschen. Die Stele liegt vis-à-vis von der Installation „Wounded Star“ (siehe Foto).
Platte vor der Heboristeria del Rei (der Kräuterladen des Königs) – im Carrer del Vidre, nur ein paar Schritte von der Plaça Reial entfernt.
Der Blick des Besuchers richtig sich meist nach oben. Doch auch auf den Gehwegen gibt es in Barcelona Interessantes zu entdecken. Wie z.B. diese Gedenkplatten, die in den 1990er Jahren über 400 Mal als Anerkennung für die langjährigen Dienste von der Stadt an traditionsreiche Geschäfte verliehen worden sind. Auf dem Foto die für die Herboristeria del Rei (Kräuterladen des Königs), in der Nähe der Plaça Reial. Zahlreiche Handwerke und Berufe umgeben den Namen des Geschäftes auf der Platte. Zu den Olympischen Spielen von 1992 blähte sich in Barcelona schon mal eine Immobilienblase auf. Auch gewerbliche Mieten stiegen rasant. Damit die oft kleinen Läden nicht verschwanden, haben viele von ihnen eine gedeckelte Miete erhalten. Dieser Welpenschutz lief Ende 2014 aus, sofort schlossen einige Geschäfte – und wurden ersetzt durch Klamottenläden und Kaffeeröster. Es kursieren Gerüchte, dass zum Teil das 50-fache an Miete geboten worden ist. Doch Barcelona möchte nicht beliebig sein und an jeder Ecke Souvenirläden, Tapas Bars und die Filialen von H&M, McDonald’s und Starbucks (was bereits der Fall ist). Vorläufige Lösung: Schutzbedürftige Läden bezahlen weiter weniger als die marktübliche Miete. Das Horrorszenario: eine durchgentrifizierte, beliebige Stadt, die ihre Individualität geopfert hat. Oder wie man hier sagt – eine parque temático alla Disneyland.
Noch vor 10 Jahren gab es kaum Radfahrwege in Barcelona. Jede Fahrt ein Abenteuer. Mit dem Mietfahrrad-System BICING (leider nicht für ausländische Touristen nutzbar) entstehen seit 2007 jedes Jahr viele neue Kilometer Radfahrwege. Mit Ada Colau als Bürgermeisterin hat sich das Vorhaben, Barcelona in eine Radfahrerstadt zu verwandeln, noch intensiviert. Zu viel Lärm, die schlechte Luft, und das Damoklesschwert als letzte Möglichkeit eine City-Maut alla London einzuführen, verstärkt die Bemühungen. Noch ist das Netz nicht lückenlos, manchmal enden Radwege abrupt, Autofahrer verteidigen ihr Revier. Gerade im schachbrettartig angelegten Eixample fließt der Verkehr schnell. Besonders dort sollte man mit großer Vorsicht auf dem Drahtesel unterwegs sein. Wenn Sie eine Fahrradtour planen, schauen Sie auf das Netz von Radspuren und Fahrradwegen. Stadtführungen auf dem Rad oder per E-Bike können prinzipiell überall entlangführen. Gerade in großen Gruppen sollte man aber das Gotische Viertel meiden. Im Eixample merkt man, dass Barcelona noch weit vom Gold-Standard der Fahrradhauptstadt Kopenhagen entfernt ist. Aber: es wird besser.
Ob im Fotoalbum oder auf dem Handy: Schnappschüsse aus Barcelona gehören dazu. Ganz oben in der Gunst ist Gaudís Casa Batlló am Passeig de Gràcia mit der Casa Amatller gleich nebenan (Perlen des Modernisme – des Katalanischen Jugendstils). Barcelona prahlt mit 300 Sonnentagen, und das Gegenlicht macht es gerade am Nachmittag fast unmöglich die Häuser ordentlich vor die Linse zu kriegen (von den zusammengekniffenen Augen beim Betrachten ganz zu schweigen). Also: früh aufstehen und mit der Sonne im Rücken hinein ins Fotografenglück. Ab dem späten Vormittag wird es zunehmend schwieriger. Schöner Nebeneffekt: am frühen Morgen sind weniger Besucher unterwegs, und (im Sommer) sind die Temperaturen noch auszuhalten. Das führt zum nächsten Ungemach. Man kann natürlich nicht alle Sehenswürdigkeiten morgens anschauen (sollte man aber).
In der Zeit der Furcht verbreitenden Zitadelle (die nach dem 11. September 1714 errichtet worden ist – Abriss 1868) wurden auf der Esplanade der Festung (das freie Feld zwischen Stadt und Zitadelle) auch Hinrichtungen vollstreckt. Dort, wo heute im Viertel El Born der Carrer dels Petons liegt, verabschiedeten sich früher die zum Tode Verurteilten von ihren Lieben. ODER… es ist alles ganz anders, und der Name kommt von einem Herren namens Joan Pontons, dessen Name sich mit der Zeit in Petons verändert hat. Welche Geschichte ist schöner?
Drei Wochen vor dem möglichen Referendum war heute wieder halb Barcelona auf den Beinen. Der 11. September ist der katalanische Nationalfeiertag. Am 11. September 1714 wurde Barcelona nach 15-monatiger Belagerung vom Bourbonen Philipp V. erobert und zwangsweise in den spanischen Staat eingegliedert. Das letzte bisschen Souveränität war perdu. Bei der heutigen Stimmung könnte man denken, dass der Ausgang des Volksbefragung reine Formsache ist. Doch erstens lehnt die spanische Zentralregierung das Referendum vehement ab (und somit ist nicht klar, ob es überhaupt stattfindet), und zweitens sind nach Umfragen zwischen 40 und 55 % für die Unabhängigkeit. Von der Zuverlässigkeit von Wahlprognosen können nicht nur die Briten ein Lied singen.
Das Cosmo Caixa ist ein interaktives naturwissenschaftliches Museum. Experimente, anfassen, staunen, mitmachen. Von der Entstehung der Welt bis zur 3D-Virtual Reality.
Wer in Barcelona das Aquarium im Port Vell besuchen möchte, sollte definitiv seine Pläne über den Haufen werfen. Gegen das Cosmo Caixa kann das Aquarium einpacken.
Einziger Wermutstropfen aus deutscher Sicht: die Erklärungen sind nur auf Katalanisch, Spanisch, Englisch und Französisch (aber das ist im Aquarium nicht anders). Kleiner Preisvergleich? 4 Euro Cosmo Caixa, unter 16 Jahre Eintritt frei – Aquarium 20 Euro, für Jugendlich kaum billiger
Wie geht’s zum Cosmo Caixa? L7 FGC (z.B. von der Plaça Catalunya) bis Avinguda Tibidabo, Bus 123 (oder ca. 10 min zu Fuß). Das dauert ca. 35 – 40 min, aber dafür ist es nicht so voll, und dazu hat man schöne Blicke auf die Stadt.
Drei Wochen sind vergangen seit dem Attentat auf den Ramblas. Immer noch schwer zu fassen. No tinc por! (ich habe keine Angst!) – Barcelona ist getroffen, Alltag und Optimismus sind zurückgekehrt.
Keine Touristen-Apartments – fordern viele Anwohner (wie hier im Viertel Barceloneta)
„Keine Touristen-Apartmants“ – die Erklärung wird an diesem Wohnhaus im Viertel Barceloneta gleich mitgeliefert. „Touristen, wohnt in Hotels, in Apartments wird gelebt“. Das Ausmaß an Gentrifizierung macht vielen Bewohnern Angst. Zu wenig bezahlbare Wohnungen, steigende Preise, kleine Geschäfte verschwinden, machen Platz für Souvenirläden, Tapas-Bars und die Filialen der großen Ketten. Im eigenen Viertel gerät die Balance in Schieflage, Rückzugsräume der Bevölkerung verschwinden, die Unzufriedenheit steigt.
Der Tourismus tötet die Viertel
In dieselbe Richtung geht der Aufkleber: „Tourismus tötet die Viertel“. Neben dem Rollkoffer ist der Selfie-Stick Erkennungsmerkmal vieler Touristen. Zwar geben in Barcelona 86,7% der Bewohner an, dass der Tourismus der Stadt nutzt, doch die Hälfte ist gegen ein weiteres Wachstum mit noch mehr Besuchern. Diese Diskussion wird häufig an den Touristen der Kreuzfahrtschiffe festgemacht. Zwei Zahlen: 2002 waren es 200.000, 2016 – nach Vergrößerung der Terminals – 2,7 Millionen Menschen. An einzelnen Tagen kommen über 30.000 Besucher nur über Kreuzfahrtschiffe in die Stadt. Das sorgt nicht nur für ungeteilte Freude.
Wir bleiben im Viertel – raus mit den Spekulanten (Plakat im Gotischen Viertel)
Ein aktuelles Prostest-Plakat: „Wir bleiben im Viertel – raus mit den Spekulanten“. Zwar geht die neue Stadtregierung (seit 2015) schärfe gegen illegale Touristenapartments vor, und in den Viertel, wo es zu viele gibt, werden keine neuen Konzessionen vergeben.
Luxus Immobilien Agentur im Gotischen Viertel – da graust es vielen Anwohnern
Doch in Zeiten dauerhaft niedriger Zinsen wird in Barcelona (und anderswo) viel in Immobilen investiert. Auch im großen Stil. Versicherungen und internationale Fonds mischen den Markt auf, großes Feindbild für viele bleiben Airbnb und Immobilienagenturen für Luxusobjekte.
Volem un barri digne!! Wir wollen ein würdiges Viertel.
„Volem un barri digne!“ – „Wir wollen ein würdiges Viertel!“. Der Klassiker unter den Anwohner-Protesten. Wo immer man in Barcelona solche (oder ähnliche) Plakate sieht, irgendetwas liegt im Argen. Lärm, Müll, Drogen, Touristenapartments, steigende Preise…
Wir retten die Drassanes, keine neuen Hotels mehr.
… oder der Bau neuer Hotels. Zwar sind aktuelle Projekte unter der Stadtregierung der Bürgermeisterin Ada Colau schwieriger zu verwirklichen. Doch die Bevölkerung geht dort auf die Barrikaden, wo mit dem Bau von Hotels unweigerlich die Viertel-Struktur belastet werden würde. „Wir retten die Drassanes – keine neuen Hotels“. Plakate wie dieses hängen im südlichen Raval in der Nähe der mittelalterlichen Werften Drassanes, wo eine große Baulücke klafft, die schon bald durch ein Hotel geschlossen werden könnte.
Barcelona profitiert enorm vom Tourismus. Nur ist für viele Bewohner die Balance seit langer Zeit verloren gegangen. Viele Menschen fühlen sich nicht mitgenommen, für sie überwiegen die negativen Konsequenzen des Massentourismus. Oft fallen in der Diskussion zwei Begriffe. „Morir de exito“ (am Erfolg zugrunde gehen) und „Parque tematico“ (Themenpark, vielleicht am besten mit Disneyland übersetzt). Man möchte nicht als Staffage für einen durchgentrifizierten Vergnügungspark herhalten, der nicht mehr als das eigene barri (Viertel) zu erkennen ist.